|
Mit einem Klick zum gewünschten Thema Die 14 Naturschutz-Gebiete der Insel Usedom Insel Usedom. "Viel Geschichte, Grün und Strand" diese Mischung lockt alljährlich unzählige Besucher auf die Insel Usedom. Und weil das Eiland im Nordosten Deutschlands besonders für sein üppiges Grün berühmt ist, möchte der UsedomKurier in regelmäßiger Folge die 14 Naturschutzgebiete (NSG) der Insel vorstellen, die eine Fläche von insgesamt 4000 Hektar bedecken. Gestreifter Nachwuchs fährt Wassertaxi
Im letzten Teil unserer Serie berichtet unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter heute über das 165 Hektar große NSG Insel Görmitz. Die Naturschutzgebiete der Insel Usedom haben Nachwuchs bekommen: Während das älteste NSG Peenemünder Haken, Struck und Ruden bereits 76 Jahre überdauert hat, liegt das Nesthäkchen Görmitz quasi noch in den Windeln. Erst vor wenigen Tagen wurde die Verordnung zum Schutz des kleinen Achterwasser-Eilandes gesetzlich festgeschrieben. Aus gutem Grund, kann Wolfgang Nehls bestätigen. Auf dem Görmitz tummelt sich nämlich eine vielfältige Tierwelt, die der Zinnowitzer bei seinen Streifzügen schon öfter beobachtet und fotografiert hat. Doch nicht nur Nehls hält die Augen offen: Bis zu zehn Seeadler sitzen manchmal auf den Bäumen an der Spitze des Görmitz und warten, dass sich etwas Fressbares zeigt, erzählt der Naturfreund. Auch andere Vogelarten fühlen sich dort wohl, denn die Insel ist relativ ungestört. So existiert in einer Bucht an der Ostseite zum Beispiel eine Brutkolonie des Haubentauchers, der kürzlich zum Vogel des Jahres erkoren wurde. Bis zu 20 Paare dieses schmucken Vogels hat Nehls schon gezählt. Herzlicher Hochzeitstanz Die Balz dieser Wasservögel ist ein imposantes Schauspiel: In regelrechten Tänzen richten sich die Taucher dabei im Wasser auf und bilden passend für einen Hochzeitstanz ein Herz. Und da kleine Geschenke bekanntlich die Freundschaft erhalten, werden noch Wasserpflanzen oder Fischchen als Mitgift dargeboten. Führt die Zeremonie zum Erfolg, schlüpfen aus den Eiern gestreifte Mini-Taucher, die bald, wie es sich für ordentliche Nestflüchter gehört, aus dem Nest springen und von den Eltern in die Kunst des Überlebens eingeführt werden. Immerhin dürfen sie ab und zu auch ímal Wassertaxi im Gefieder ihrer Altvorderen fahren. "Sagenhafter" Anblick Da der Görmitz über einen hohen Grundwasserstand verfügt, gibt es genügend Schlammflächen, auf denen sich unter anderem Watvögel und Reiher tummeln, wie Nehls berichtet. Auf den beweideten Wiesenflächen hingegen gibt es noch stabile Bestände der Schafstelze und des Wiesenpiepers. Geradezu "sagenhaft" findet der Naturfreund den Anblick der im Frühjahr blühenden Schlehen- und Weißdornhecken, in denen wie zur Untermalung die Dorngrasmücke ihr Lied vorträgt. Auch der seltene Fischotter genießt die Ruhe auf dem Eiland und teilt gewiss die Freude von Wolfgang Nehls, dass nun ein weiteres Stück "Natur pur auf Usedom" für die Nachwelt gesichert ist. Weltenwanderer und Schreihälse friedlich vereint
Über das 118 Hektar große NSG Inseln Böhmke und Werder berichtet heute unser Redaktionsmit- glied Sebastian Haerter Als ein ruhiges Plätzchen kann man die Inseln Böhmke und Werder im Achterwasser nun wirklich nicht bezeichnen. Vor allem, wenn Ende April die Bewohner Böhmkes wieder von ihrem Eiland Besitz ergreifen, geht es ganz im Gegenteil richtig laut zu. Sage und schreibe 6 000 Brutpaare der Lachmöwe und 150 Paare der Flussseeschwalbe brüten dort dicht gedrängt und sorgen für einen recht bemerkenswerten Lärmpegel. Wilfried Starke verfolgt das Leben der Schreihälse nun schon seit 27 Jahren. Besonders die Lachmöwe mit ihrem schokoladenbraunen Kopf hat es Starke angetan. In den achtziger Jahren untersuchte der Greifswalder zehn Jahre lang Fragen zur Bestandsentwicklung des hübschen Vogels in dem Naturschutzgebiet. 8511-Kilometer-Flug Daher weiß der Naturfreund auch, dass die heutigen Bestandszahlen längst nicht das Ende der Fahnenstange sind. 1980 erreichte die Kolonie ihre höchste Brutdichte: 16 300 Paare der Lachmöwe und 450 der Flussseeschwalbe bevölkerten damals das Eiland. Durch Beringungsaktionen konnte im Laufe der Jahre zudem das Wanderverhalten der Vögel erforscht werden. Und so weiß man, dass die heute vielbeschworene Einheit Europas auf dieser Insel längst ein alter Hut ist. In mehr oder minder friedlicher Eintracht tun sich dort seit Jahrzehnten britische und deutsche Möwen mit polnischen Seeschwalben zusammen, um ihrem Brutgeschäft nachzugehen. Vögel kennen eben keine Grenzen. Das gilt auch für die Zeit nach der Brut: Die Beringung macht es möglich, auch das Winterquartier der eleganten Flieger zu ermitteln. Und so wurden vorpommersche Lachmöwen schon in Dänemark, Holland, und Frankreich entdeckt. Noch weiter reisen die Flussseeschwalben. Bis nach Südafrika zieht es die Weltenwanderer, während es in Vorpommern stürmt und schneit. Eine im Juni 1999 beringte Seeschwalbe wurde am 31. Dezember in Swakopmund/Namibia wiedergefunden 8511 Kilometer von Usedom entfernt, erzählt Wilfried Starke. Biblisches Alter erreicht Dass viel Bewegung nicht schadet, sieht man daran, dass einige Vögel ein fast biblisches Alter erreicht haben. Rekordhalter ist eine 19-jähriges Lachmöwe. Doch auch unter den Flussseeschwalben kennt Starke Vögel, die seit 17 Jahren zu ihrem Brutplatz zurückkehren. Probleme bereiten dem Naturfreund Raubsäuger wie Fuchs und Mink, die schon viele Vögel auf dem Gewissen haben. Allein 2000 wurden drei Minks gefangen und Starke betont: "Eine weitere Verfolgung ist unabdingbar." Diese Jäger lassen sich nämlich auch vom lautesten Geschrei nicht vertreiben. Kleines Dünen-ABC im Insel-Norden erlebbar
Über das 1870 Hektar große NSG Peenemünder Haken, Struck und Ruden berichtet heute unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter. Im äußersten Norden Usedoms liegt ein Naturschutzgebiet der Superlative. Der Peenemünder Haken mit Struck und Ruden ist nämlich nicht nur das bei weitem größte der Insel, sondern auch das älteste Schutzgebiet seiner Art. Schon 1925 hieß es in der entsprechenden Polizeiverordnung der Preußischen Regierung zu Stettin, dass das Areal "zum Zwecke der Sicherung als Brut-, Futter- und Raststätte der Vögel zum Naturschutzgebiet erklärt wird." Offenes Geschichtsbuch Für Rainer Adam ist das Gebiet zudem auch eine Art offenes geologisches Geschichtsbuch, denn "man sieht das Werden des Landes", wie der Karlshagener verrät. So zeuge die Strandwall-Landschaft von der steten Veränderung durch Wasser und Wind. Allerdings muss man das Buch auch lesen können, um dessen Geheimnisse zu entschlüsseln. So ist zum Beispiel Düne nicht gleich Düne, wie Adam erklärt: Je nach Alter und Humusgehalt unterscheidet man nämlich zwischen Braun-, Gelb-, Grau- und Weißdünen. Die Senioren sind die Braundünen, die immerhin schon 5000 Jahre überdauert haben und ihrem Alter entsprechend im wahren Wortsinn gesetzt sind. Die Jüngsten aus der Familie hingegen, die Weißdünen, können sich mit jugendlichem Ungestüm noch an vorderster Front mit der Ostsee messen. Anders als beim menschlichen Haupthaar wird bei den Strandwällen der Bewuchs mit dem Alter immer üppiger: Dicht am Meer wachsen nur so genannte Pionierpflanzen wie Stranddistel oder Meerkohl, denen ein wenig Sand zum Leben reicht. Die Braundünen hingegen ernähren mit ihren üppigen Nährstoffen ganze Wälder, erzählt Naturfreund Adam. Beliebte Raststätten Für Zugvögel besonders interessant sind der Struck und die Insel Ruden, die von den gefiederten Weltenwanderern als Raststätten genutzt werden. Rotkehlchen, Wintergoldhähnchen und Laubsänger landen oft zu Tausenden auf den Eilanden, um wieder "aufzutanken". Häufig völlig entkräftet, verlieren die kleinen Sänger dann jede Scheu vor dem Menschen, wie der Insulaner berichtet. Große Schwärme von Watvögeln und Enten hingegen suchen die so genannten Windwatten auf zeitweise trockene Areale vor der Küste. Das Erleben dieser Schönheiten ist allerdings eingeschränkt. Durch die ehemalige militärische Nutzung der Flächen als Bombodrom und Schießplatz sind große Teile noch immer munitionsverseucht und das Betreten verboten, wie Adam warnt. Dennoch können Besucher von Frühjahr bis Herbst zum Beispiel einen Shuttlebus nutzen, der die Naturfreunde bis zum Peenemünder Haken fährt, wo eine Führung angeboten wird. Für die Zukunft ist von der Naturparkverwaltung auch ein Wanderweg geplant, der dann das "vielfältigste aller Naturschutzgebiete Usedoms" für die Öffentlichkeit zugänglich machen soll, kündigt Adam an. Bedrohtes Paradies mitten im Peenestrom
Über das 190 Hektar große NSG Insel Großer Wotig berichtet heute unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter. Eingeklemmt im Peenestrom zwischen der Insel Usedom und dem Festland liegt der Große Wotig, eine langgestreckte Insel, deren Bewohner regelmäßig gesalzen werden. Wenn nämlich während des Frühjahrs der Wasserspiegel steigt, wird das Eiland alljährlich überflutet. Doch darauf hat sich die dortige Lebensgemeinschaft hervorragend eingestellt, wie der Betreuer dieses Naturschutzgebietes, Helmut Skibbe, weiß. Die Pflanzen der Insel sind sogar auf die regelmäßige Mineral-Zufuhr angewiesen Salzgrasland nennt sich diese spezielle Vegetationsform. Biegsamer Schnabel Seit zwanzig Jahren kennt der Wolgaster den Großen Wotig wie seine Westentasche. Besonders angetan haben es ihm die "gefiederten Insulaner", die dort allesamt auf dem Boden brüten und das Areal bekannt gemacht haben. Es sind hauptsächlich so genannte Limikolen, was nichts anderes als Watvögel bedeutet. Meist mit langen Beinen und Schnäbeln ausgestattet, haben sie alle ihre spezielle Art und Weise entwickelt, Nahrung zu suchen. "König" unter ihnen ist zweifellos der Große Brachvogel. Mit seinem extrem langen und gebogenen Schnabel vermag er Nahrungsquellen zu erschließen, die anderen verborgen bleiben. Und das ist auch gut so, schließlich soll unnötige Konkurrenz untereinander vermieden werden. Etwas kürzer und zudem gerade ist der Schnabel der Bekassine. Das Besondere: Wenn die kleine Schnepfe im Schlamm nach Würmern und Kerbtieren sucht, kann sie ihren Vorderschnabel im Boden sowohl verbiegen als auch öffnen und sich so den flinkesten Wurm schnappen, wie Skibbe erklärt. Mit einigen seiner Schüler war der ehemalige Biologielehrer des Öfteren auf der Insel und konnte ihnen so die Vogelwelt näher bringen. In aufwändig gestalteten Arbeiten beschrieben die jungen Naturforscher dann ausführlich die einzelnen Arten und ihre Lebensweise. Ausgestellt wurden die Mappen zum Beispiel auf der "Messe der Meister von Morgen". Der eigentliche "Megastar" des Großen Wotig ist der Alpenstrandläufer. Eigentlich arktischer Herkunft, erreicht der Vogel an der Küste der Ostsee seine südliche Verbreitungsgrenze. Nur noch etwa 10 bis 15 Paare brüten in ganz Deutschland, zwei davon auf dem Wotig, wie Naturfreund Skibbe berichtet. Dabei gab es dort 1980 allein etwa 15 Paare der Art, doch mittlerweile sind die Bestände drastisch zurückgegangen. Überhaupt bereitet der Rückgang nahezu aller auf dem Wotig vorkommenden Arten dem Wolgaster arge Kopfschmerzen. Mittlerweile, so erzählt der pensionierte Biologielehrer, seien sowohl Brachvogel als auch Kampfläufer als Brutvögel ausgestorben. Andere, wie Kiebitz und eben auch der Alpenstrandläufer, haben starke Bestandseinbußen während der vergangenen Jahre hinnehmen müssen. Besserung erhofft Als Ursache vermutet Helmut Skibbe zu viele Raubtiere auf dem Eiland. Vor allem den Mink, eine eingeschleppte Nerzart, hat der Wolgaster dabei in Verdacht. Auch habe der Fuchs wegen der Tollwut-Prävention und mangelnder Bejagung sprunghaft zugenommen, so dass auch er als möglicher Eier- oder Kükenräuber in Frage kommt. Und so hofft der Peenestädter, dass eines Tages, wenn es nicht mehr viel auf dem Wotig zu holen gibt, auch die Räuber von der Insel verschwinden werden: "Vielleicht erholen sich die Vogel-Bestände dann ja wieder." Schließlich sollen auch künftige Generationen die seltsamen Vögel des Großen Wotig nicht nur in Büchern bestaunen können. Wockninsee bei Panzer-Reptil beliebt
Über das 49 Hektar große NSG Wockninsee berichtet heute unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter. Der Wockninsee bei Ückeritz ist so etwas wie der Loch Ness der Insel Usedom. Denn ebenso wie der berühmt-berüchtigte schottische See beherbergt auch das Gewässer in der Insel-Mitte ein geheimnisvolles Reptil. Der Unterschied: Während es für die Existenz von "Nessie" noch nie einen Beweis gab, ist "Wockie" vor zehn Jahren im Wockninsee nachgewiesen worden. Der Heringsdorfer Biologe Claus Schönert kennt das "Untier" beim Namen: Emys orbicularis, die Europäische Sumpfschildkröte. Nur wenigen ist es vergönnt, das seltene Tier zu Gesicht zu bekommen. Dabei war die einzige heimische Schildkröte einst recht häufig und als Fastenspeise begehrt. Doch hat der Mensch es durch Jagd und Zerstörung des Lebensraumes mittlerweile geschafft, die Art nahezu auszurotten. Ob die Schildkröte auf Usedom überlebt hat, ist fraglich, wie Schönert meint, denn der letzte Nachweis liegt eben schon zehn Jahre zurück. Verräterische Essensreste Damals haben dem Heringsdorfer Essensreste die Anwesenheit des heimlichen Panzerträgers verraten. Das Reptil frisst nämlich in der Hauptsache Fisch und lässt nur die Schwimmblasen übrig. Die schwimmen an der Wasseroberfläche und verraten dem Eingeweihten, wer dort gespeist hat. Da die Sumpfschildkröte sehr alt werden kann, ist es durchaus denkbar, dass einzelne Exemplare überlebt haben, vermutet Schönert. Fraglich ist aber, ob sie sich noch fortpflanzen, denn die Art stellt sehr hohe Ansprüche an Lebensraum und Eiablage-Platz. Die Eier brauchen einen sandigen und warmen Platz, denn die Sonne übernimmt ganz alleine den Job, die Schildkröten auszubrüten. Auch der Wockninsee an sich hat schon einige Jahre "auf dem Buckel". Vor etwa 10 000 Jahren entstand das Gewässer, das sich als Ausbuchtung von der Ostsee gebildet hat. Durch Anschwemmungen wurde der Strandsee vom Meer abgetrennt und süßte im Laufe der Jahre aus. Seit 1967 stehen Wasserfläche und Uferstreifen unter Naturschutz und sind inzwischen Teil des Netz-Natura Systems der Europäischen Union. Umgeben ist der See von einem so genannten Eichen-Hudewald, in dem früher die Schweine mit Eicheln gemästet wurden. Aber auch Moorwald und Erlenbrüche sind Teil des NSG und mit ihrer Vegetation prägend für das Areal. Das Insekten fressende Fettkraut fühlt sich dort ebenso wohl wie der Fieberklee und das Sumpf Veilchen. In den unzugänglichen Bereichen brüten drei Kranichpaare. Das sehr klare Wasser des Wockninsees beherbergt diverse Algenarten und stellt ein wichtiges Laichgebiet für Amphibien wie den Springfrosch oder den Teichmolch dar. Eine Etage höher schwimmen der Vogel des Jahres 2001, der Haubentaucher, und sein winziger Verwandter, der Zwergtaucher. Alles in allem also eine kleine Idylle, mit deren Zustand Betreuer Schönert zufrieden ist. Ungestörte Ruhe Ein Lehrpfad führt den interessierten Besucher und zeigt die Besonderheiten des Sees. Zusätzlich sorgt eine große Beobachtungskanzel für optimalen Überblick, und von Ückeritz aus werden Führungen angeboten. Die Ruhe des Gebietes ist kaum gefährdet, denn der Massentourismus spielt sich an anderer Stelle ab. Und doch, weiß Schönert, wird der Wockninsee eines Tages verschwinden. Dafür sorgen unscheinbare Moose und andere Pflanzen, die den See über natürliche Verlandungsprozesse langsam in ein Moor verwandeln. Aber das, ist der Heringsdorfer sicher, "werde ich bestimmt nicht mehr erleben. Liebestrunkene Lurche blubbern auf dem Gnitz
Über das 62 Hektar große NSG Südspitze der Halbinsel Gnitz berichtet heute unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter. Wäre es nach dem Willen einiger hochrangiger Vertreter des Arbeiter- und Bauernstaates gegangen, dann würden heute auf dem Gnitz Bungalows und Pferdeställe das Landschaftsbild "bereichern". Die oberen Zehntausend der damaligen DDR hatten sich das Eiland im Achterwasser in den 80-er Jahren nämlich als Ferienidylle auserkoren, wie Wolfgang Nehls, Betreuer des Gebietes, zu berichten weiß. Und weil die Uhren damals etwas anders tickten, wurde auch gleich 'mal mit den Bauarbeiten begonnen vollendete Tatsachen nennt man so etwas. Proteste haben genützt So kam es, dass Nehls eines Tages gleichsam vom Donner gerührt vor breiten Leitungsgräben stand, die mitten durch wertvollen Trockenrasen gebuddelt worden waren, wie der Zinnowitzer erzählt. Heftige Proteste konnten das Projekt dann glücklicherweise verhindern, und es gelang den Naturschützern sogar, eine einstweilige Sicherung der Halbinsel als Naturschutzgebiet durchzusetzen. Damit konnten die eigentlichen Herrscher des Areals Knabenkräuter, Moorfrösche und Uferschwalben dort wieder die alleinige "Macht" übernehmen. Im Jahre 1994 wurde die Südspitze des Gnitz endgültig unter Naturschutz gestellt. Dass damit jedoch nicht alle Probleme aus der Welt geschafft sind, weiß Wolfgang Nehls aus eigener Erfahrung. Der ehrenamtliche Naturschutzwart muss leider immer wieder Verstöße gegen die Regeln im NSG feststellen: "Das fängt bei abgepflückten Orchideen an, geht über frei laufende Hunde und wilde Trampelpfade und hört bei anlegenden Booten im Schilf noch lange nicht auf", beklagt der Insulaner.Wie Nehls betont, sei es auch ohne weiteres möglich, die Schönheiten des verträumten Fleckchens auf offiziellen Wanderwegen zu erkunden. Geflügelte Maulwürfe Wer mit offenen Augen durch das Gebiet streift, kann dabei eine Menge verborgener Schätze entdecken. So haben 400 Paare der Uferschwalbe Quartier in den Wänden des Kliffs bezogen. Die eleganten Flieger buddeln sich ihre Wohnungen in die Steilküste fast wie Maulwürfe. Dabei kommt es ihnen gerade recht, dass die Wellen des Achterwassers immer wieder für Abbruchkanten sorgen, denn die Höhlen werden nur einmal benutzt. Der Trockenrasen indes beherbergt so manche botanische Kostbarkeit, wie Nehls verrät. So hat er dort das seltene Sommer-Adonisröschen entdeckt. Auch die Grasnelke und die Sandstrohblume mögen es, wenn sie "trockene Füße" haben. Und damit der wertvolle Rasen nicht verbuscht, sorgen Galloway-Rinder seit einiger Zeit dafür, dass die Vegetation kurz gehalten wird. Wo es hingegen nass wird, versuchen sich Sumpfsitter und Steifblättriges Knabenkraut gegenseitig den Titel der schönsten Feuchtwiesen-Pflanze abzujagen. Frösche machen "blau" Im zeitigen Frühjahr beginnt im Revier die Hochzeit der Moorfrösche, die der Zinnowitzer schon oft fotografiert hat. Kein Wunder: Die Männchen dieser Art sind zur Paarungszeit dermaßen liebestrunken, dass sie das "blau sein" gleich wörtlich nehmen. In zartem Himmelblau nämlich präsentieren sich die Hüpfer ab März und versuchen, bei den schlicht braun gefärbten Weibchen Eindruck zu schinden. Doch damit nicht genug. Während jeder ordentliche Frosch "quack" macht, hört man von den Moorfröschen etwas, das an Luftblasen erinnert, die blubbernd aus untergetauchten Flaschen entweichen. Dass der Gnitz ein begehrtes Ausflugsziel ist, damit kann Wolfgang Nehls leben. Er bewirbt die Schönheiten der Insel-Natur ja auch in seinen Dia-Vorträgen, für die er bis nach Bayern reist. Manchmal wünscht sich der Insulaner allerdings etwas mehr Sensibilität der Besucher, denn schließlich will er ihnen auch künftig noch über "Natur pur auf Usedom" berichten. Namenloser Schmetterling trifft brüllenden Moorochsen
Über das mit 800 Hektar zweitgrößte NSG Gothensee und Thurbruch berichtet heute unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter. Der größte Binnensee der Insel Usedom ist der 600 Hektar große Gothensee, der südlich von Bansin in die eiszeitliche Moränenlandschaft des Thurbruchs eingebettet liegt. Zusammen mit 200 Hektar des umgebenden Moores wurde das Gebiet 1967 unter Naturschutz gestellt. In dem Heft "Zwischen Haff und Heringsdorf. Das Thurbruch auf Usedom" berichtet Claus Schönert, wie das Gebiet zu seinem Namen kam. Noch bis ins 14. Jahrhundert streifte dort nämlich der Auerochse, Stammvater unseres Hausrindes, durch die dichten Bruchwälder. Von den Slawen wurde er "Thur" genannt. Seit im Jahre 1360 der letzte dieser Art im Gebiet erlegt wurde, erinnert nur noch der Name des Bruchs an das ausgerottete Rind, das immerhin 1,80 Meter Widerristhöhe erreichte. Flatternde Vielfalt Doch Naturfreund Schönert kennt auch noch lebende Kreaturen im Gebiet, die zum Teil selten und manchmal nicht weniger seltsam sind. Berühmt wurde das Areal durch seine große Vielfalt an Schmetterlingen, darunter der Dukatenfalter oder der Moorbürstenbinder. Manche haben nicht einmal einen deutschen Namen, so wenig ist über sie bekannt. Auch der Gothensee beherbergt viele Schätze. So tummeln sich Erd- und Kreuzkröte ebenso im und am See wie Ringelnatter und Fischotter. Auch der Moorochse lässt an Frühsommer-Abenden sein dumpfes "ü-wumb" über den See erschallen. Doch ruft da kein verschollenes Ur-Rind, sondern die Rohrdommel, ein seltener Reiher, dem der Volksmund wegen der dumpfen Paarungslaute den seltsamen Namen gab. Noch vor wenigen Jahren bereitete Schönert der Zustand des Gewässers allerdings arge Kopfschmerzen: "An manchen Stellen habe ich 12 Meter tiefen Faulschlamm gemessen", erzählt der Biologe. Verantwortlich dafür macht er diverse Einleitungen. Doch mittlerweile habe sich der Zustand gebessert, denn die Abwässer hätten sich deutlich reduziert.Das bekommt auch den Flossenträgern im See. So tummeln sich dort Zander, Hechte, wilde Karpfen, Dreistachlige Stichlinge und Aale, weiß Schönert und berichtet über das Wanderverhalten der Aale. Liebesreise in den Tod Wenn diese sich fortpflanzen wollen, haben sie ein ziemliches Martyrium vor sich. Jedes Jahr im Spätherbst brechen die geschlechtsreifen Tiere nämlich wie auf ein geheimes Signal hin aus Seen und Flüssen in Richtung Amerika auf. Erst in der Sargassosee endet ihre (Tor)tour. Nach der Paarung verenden die Alttiere, und die Larven wandern die 7000 Kilometer zurück, um nach über 200 Tagen als "Glas-Aale" in die Flüsse aufzusteigen. Irgendwann kommen sie dann auch auf Usedom an und erreichen vielleicht wieder den Gothensee, bis sie selbst Jahre später dem angeborenen Wandertrieb nachgeben werden. Kriegsopfer-Friedhof ist in ein Naturschutzgebiet eingebettet
Über das 25 Hektar große NSG Golm berichtet heute unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter. Der Golm erlangte über die Grenzen Deutschlands hinaus als Kriegs Genaue Höhe unbekannt Einig ist man sich darin, dass der Golm die höchste Erhebung der Insel Usedom ist. Uneinigkeit besteht hingegen darüber, wie hoch sich das Kliff über dem Land erhebt. Offiziell wird in den meisten Karten und in der Literatur über das NSG eine Höhe von 59 Metern angegeben. In der Korswandter Naturparkverwaltung existieren jedoch auch Karten, in denen dem Golm ganze 12 Meter mehr zugestanden werden, was eine Höhe von stolzen 71 Metern bedeuten würde, wie der Naturfreund Dirk Weichbrodt berichtet. "Treibstoff"-Zwiebeln Bis dieses Rätsel endgültig geklärt ist, wird wohl noch einige Zeit ins Land gehen. Das tut den verborgenen Reizen des Areals jedoch keinen Abbruch, denn von denen gibt es dort eine ganze Menge zu entdecken. Werner Schnapp, der das Gebiet quasi unter seine Fittiche genommen hat, kennt sie mit Namen: Zwerglerchensporn, Zwiebel-Zahnwurz, Leberblümchen und Scharbockskraut heißen zum Beispiel einige der schmucken Pflänzchen, die alle zu den sogenannten "Frühjahrs-Geophyten" zählen. Das allgemein bekannte Buschwindröschen gehört auch dazu. Im zeitigen Frühjahr, wenn die Buchen im Gebiet ihr üppiges Laub noch nicht enfaltet haben, fällt noch genügend Licht auf die Erde, um den Frühblühern ihre Entwicklung zu ermöglichen. Viel Zeit haben sie dafür nicht. In knappen zwei Monaten muss von der Beendigung des "Winterschlafes" bis zur Ausbildung der Samen alles geschafft sein, bevor das Blätterdach dicht und der Waldboden wieder Um diesen Spurt zu schaffen, bedienen sich die zarten Pflanzen einer Art Doping. In unterirdischen Zwiebeln haben sie sozusagen ihren Treibstoff gebunkert. Sobald dann die erste Frühjahrs-Sonne das Laub auf dem Waldboden erwärmt, fällt der Startschuss für Leberblümchen und Co. Und wenn im Mai der Zwergschnäpper wieder in den Buchenkronen umherturnt, ist das Jahr für die Frühblüher zwei Etagen tiefer im Prinzip schon gelaufen. Boten der Kreidezeit Auch verschiedene Vogel- und Fledermausarten haben sich auf dem Golm eingenistet. So klopft der Schwarzspecht eifrig seine Höhlen in die Bäume, die dann gern von Waldkauz und Hohltaube genutzt werden. Auch der ruffreudige Kleiber bewohnt Baumhöhlen, allerdings nutzt er die kleineren "Versionen" des Buntspechtes, die er zusätzlich noch mit einer Art Mörtel verkleinert. Wenn es dämmert, bricht auf dem Golm die Zeit der Fledermäuse an. Das Braune Langohr, der Abendsegler und die Rauhhautfledermaus gehen dann auf Insektenfang. Mittels ihres einzigartigen Ultraschall Ortungssystems können sie auch in tiefster Nacht ihre Nahrung erbeuten. Das Kliff an sich ist ein Relikt der Eiszeit. Das besondere daran sind eingelagerte Kreideschollen von etwa 70 Zentimetern Dicke und bis zu zehn Metern Länge. Sie stammen aus der Kreidezeit, die immerhin 98 bis 65 Millionen Jahre zurückliegt. Vom Kliff hat man im Osten einen weiten Blick auf die Swine-Niederung, die noch vor 6000 Jahren überflutet war, als die Gletscher wieder abschmolzen. Die auch Swinepforte genannte Niederung verband damals noch die Ostsee mit dem Haff, schaut Werner Schnapp zurück in die geologische Vergangenheit des Golms. Um das Gebiet rund um den Golm zu erkunden, muss man keine größeren Strapazen auf sich nehmen. Die vorhandenen Wanderwege sind gut begehbar, und Tafeln informieren die Besucher über die verschiedenen geschichtlichen und Naturaspekte der Erhebung. Von Norden ist er über das Radwandersystem erreichbar, und von Süden kann man mit dem Auto über Kamminke anreisen. Der Zustand des NSG wird von Naturfreund Schnapp als gut bezeichnet. Und er ist optimistisch, dass das auch so bleiben wird. Geheimnisvolle Flora unter klarem Wasser
Über das 45 Hektar große NSG Kleiner Krebssee berichtet heute unser Redak tionsmitglied Sebastian Haerter. Die Schätze des Kleinen Krebssees, der zwischen Gothensee und Schmollensee "eingeklemmt" ist, liegen im Verborgenen. Genauer gesagt unter Wasser. Das ist nämlich so sauber wie bei wenigen anderen Gewässern der Insel Usedom und auch des Landes Mecklenburg-Vorpommern, weiß man in der Naturpark-Verwaltung in Korswandt. Daher verdient der Kleine Krebssee auch den seltenen Status "Klarwassersee". Und nährstoffarmes und sauberes Wasser ist nicht nur rar, sondern auch idealer Lebensraum für eine Reihe Wasserpflanzen wie bestimmte Armleuchteralgen, die Krebsschere und Laichkräuter. Das Problem: Niemand weiß wirklich, ob diese Pflanzen tatsächlich im See vorkommen. Auch nicht Gerhard Schwarz, der das Naturschutzgebiet seit einem halben Jahr betreut. "Es liegen zwar Untersuchungen für die Uferbereiche vor, doch die Unterwasserflora ist noch ein Geheimnis", erzählt der Bansiner. "Gefiederter Sportwagen" Aber was die Botaniker außerhalb des nassen Elementes gefunden haben, ist auch schon beachtenswert. Die gelbe Wasser-Schwertlilie, der Blut-Weiderich, die aromatische Wasser-Minze, das Sumpf-Blutauge und der Wasser-Nabel sind einige der Pflanzen, die dort schon nachgewiesen wurden. Der breite Schilfgürtel, der sich über das gesamte Ostufer erstreckt, bietet viel Platz für einige Vögel wie die Rohrammer oder den Drosselrohrsänger, dessen lautes "Karre-karre-kiet" an warmen Sommerabenden über den See schallt. Gerhard Schwarz hat auch schon den überaus seltenen und vor allem überaus schnellen Wanderfalken am Kleinen Krebssee beobachten können. Der Greif erreicht bei seiner Jagd Spitzengeschwindigkeiten, von denen GTI-Fahrer nur träumen können weit über 250 Kilometer pro Stunde sind für diesen gefiederten Pfeil schon gemessen worden. Das ganze Gegenteil dazu ist der Seeadler, der auch von Zeit zu Zeit den See besucht, wie Schwarz berichtet. Der Adler beeindruckt weniger durch Schnelligkeit denn durch Größe und Masse. ls größter europäischer Greifvogel mit 2,50 Meter langen Schwingen kann man es auch schon mal gelassener angehen lassen und sich in aller Ruhe einen Fisch von der Wasseroberfläche wegfangen. Beschilderung angestrebt Etwa einmal pro Woche besucht Gerhard Schwarz "seinen" Krebssee, um nach dem Rechten zu sehen. So muss er auch hin und wieder einschreiten, um beispielsweise darauf aufmerksam zu machen, dass wildes Campen nicht erlaubt ist oder Hunde angeleint werden müssen. Der Naturfreund weiß auch um die Defizite im Gebiet: "Das Areal muss besser gekennzeichnet werden, deshalb soll in Zusammenarbeit mit der Verwaltung des Naturparkes Insel Usedom im kommenden Frühjahr auch eine Beschilderung vorgenommen werden." Und natürlich wird auch angestrebt, die Schätze des Kleinen Krebssees endlich zu erforschen. Fehlt nur noch der entsprechende Fachmann, der sich mit dem "Unterwasser-Salat" auskennt. Über dem Zernin meckert noch die Himmelsziege
Das 365 Hektar große NSG Zerninsee-Senke. Die bekanntesten pommerschen Ornithologen Paul Robien und Ulrich Dunkel hätten sich wohl im Grabe umgedreht, wenn sie erfahren hätten, was 1963 mit "ihrer" Zerninsee-Senke passierte. Das Naturschutzgebiet wurde damals nämlich gelöscht. Zwar stand es seit 1938 unter Schutz, doch durch massenhaften Besucherstrom hatte es schnell an Wert verloren. Wechselvolle Geschichte Scheue Tiere wie der Kranich wanderten ab, Pflanzen wurden zertreten, und irgendwann blieb nicht mehr allzu viel übrig, was noch schützenswert erschien. Also wurde die Zerninsee-Senke aus der Liste der NSG gestrichen, und ein anderes Gebiet kam dafür in den Genuss des begehrten Status. Doch auch schon vorher durchlief das südlich von Ahlbeck gelegene Moor eine wechselvolle Geschichte, weiß Dirk Weichbrodt zu berichten. Seinen Namen bekam das Gebiet einst von der Siedlung Sennin, die am Westufer des Sees lag. Erstmals erwähnt wurde sie im Jahre 1277, als Herman Bischof zu Cammin dem Kloster Stolp Sennin schenkte. Bis 1468 ist die Existenz der Siedlung belegt, blickt der Naturfreund zurück. Danach übernahmen die wahren Herrscher im Zerniner Moor wieder die alleinige Macht: Wollgras, Torfmoos, Sumpfporst, Kranich, Bekassine, Seeadler, Kreuzotter und Moorfrosch. Doch die Störungen hörten nicht auf: 1842 gab es erste Entwässerungsversuche, die 1936 durch den Reichsarbeitsdienst, der Ringgräben um das Areal zog, intensiviert wurden. Der einst fischreiche See begann im Eiltempo zu verlanden. "Wilde Schwäne" brüten 1938 kam dann die Rettung, die keine war. Die Zerninsee-Senke wurde für schutzwürdig befunden und zum NSG erklärt. Denn schon 1922 wurde von "wilden Schwänen" auf dem Zerninsee berichtet. "Zu jener Zeit eine große Seltenheit", wie Fachmann Weichbrodt betont. Eine große Möwen- und Seeschwalbenkolonie lockte weitere Naturfreunde in die Gegend, erzählt er. Leider zu viele, wie sich herausstellte. Als dem Gebiet dann später der Schutzstatus entzogen wurde, blieben auch die Besucher aus. Und damit kehrten langsam aber sicher die "Ureinwohner" des Moores zurück: Das Wollgras mit seinen wattebausch-artigen Fruchtständen, der nur faustgroße Zwergtaucher und die scheue Kreuzotter. Auch die Bekassine, wegen ihrer "meckernden" Fluggeräusche auch "Himmelsziege" genannt, zog wieder Kreise über dem Zernin. Die nahe Grenze tat ein übriges, und so blieb das Gebiet recht ungestört, das Weichbrodt nach eigener Aussage "sehr am Herzen liegt". Neue Probleme befürchtet 1995 wurde die Zerninsee-Senke erneut zum Naturschutzgebiet erklärt. Die Naturparkverwaltung bietet nun kontrollierte Führungen an, um das Gebiet zu schonen. Die vorgesehene Grenzöffnung bei Garz betrachtet Weichbrodt allerdings sehr kritisch. Er befürchtet, dass Busse und Pkw die Ruhe am Zernin beenden und Lärm und Müll erneut den Exodus der Moorbewohner auslösen könnten. Wo ein fliegender Edelstein zwergenhafte Fische fängt
Über das kleinste NSG auf Usedom, den sechs Hektar großen Mümmelkensee, berichtet heute unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter. Moore waren dem Menschen noch nie geheuer. Von altersher galten sie als sagenumwobene Orte, an denen mystische Gestalten ihr Unwesen treiben. Am Mümmel Einfallsreiche Gewächse Begonnen hat alles während der jüngsten Eiszeit, als ein Gletscher dort einen Eisblock "vergaß", der nach seinem Abschmelzen eine Senke hinterließ. In dieser konnte sich während der letzten 18 000 Jahre ungestört das Moor entwickeln, wie Claus Schönert erzählt. Sage und schreibe 15 Meter Mächtigkeit erreicht der Torf heute an seiner tiefsten Stelle. Und das ist wohl auch der Grund dafür, dass der Mensch den Mümmelkensee in Ruhe ließ. Anderswo wurde bekanntlich weniger zimperlich mit den Mooren umgegangen, wie der Biologe weiß. Entweder wurden sie abgetorft oder für landwirtschaftliche Nutzung trockengelegt. Und damit verschwanden auch typische Moorpflanzen, die sich am Mümmelkensee noch ein Stelldichein geben. Weil Moore nährstoffarm sind und es vor allem an Stickstoff fehlt, müssen sich die Gewächse einiges einfallen lassen, um nicht zu verhungern. Und so fängt zum Beispiel der Sonnentau mit seinen klebrigen, verführerisch glitzernden Tröpfchen Insekten, die sich leichtfertig niederlassen, und verdaut sie ungerührt. Fliegender Edelstein Claus Schönert kennt noch andere Hungerkünstler im Gebiet: die seltene Rosmarienheide, das Wollgras und den Sumpfporst. Selbst die Fische bleiben winzig im Mümmelkensee, verblüfft der Biologe: "Weil es kaum etwas zu fressen gibt, wachsen Plötz und Blei einfach nicht weiter und bleiben zwergenhaft klein." Genau richtig für den Eisvogel, der auch "fliegender Edelstein" genannt wird. Er ist manchmal am Mümmelkensee zu Gast und hat die Mini-Fischlein zum Fressen gern. Wer ihn beobachten will, kann den reizvollen Wanderweg um das Gebiet nutzen. Und dort sollte der Wanderer auch bleiben, denn das Moor ist unberechenbar oder, wie Claus Schönert scherzt: "Ich kann niemandem wirklich empfehlen, vom Weg abzuweichen." Von den Wellen des Achterwassers geformt
Das 85 Hektar große NSG Halbinsel Cosim Nördlich der Ortschaft Balm, wo die Wellen sanft an die Strandwälle plätschern und man einen weiten Blick auf das Achterwasser hat, befindet sich die kleine Halbinsel Cosim. Seit Jahrhunderten spült das Wasser ungehindert über das Land und konnte so ein Überflutungsmoor mit typischer Salzwiesenvegetation formen, das den Charakter des Areals ausmacht, wie Gebietsbetreuer Dirk Weichbrodt erklärt. Nutzung aufgegeben Eine landwirtschaftliche Nutzung der Flächen erwies sich immer schon als schwierig und unrentabel. Der Nord- und Südhaken der Halbinsel sei zwar seit dem 17. Jahrhundert als Mähwiese genutzt worden, wie der Naturschützer erläutert, doch mit Beginn der Intensiv-Landwirtschaft in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts habe man das Grünland nicht mehr bewirtschaftet. Dass der Mensch sich aus dem Gebiet zurückzog, hatte in diesem Fall jedoch auch negative Folgen für die Natur, betont Weichbrodt. "Brüteten vorher noch seltene Küstenvögel wie der Alpenstrandläufer oder die Uferschnepfe, breitete sich nun im Eiltempo Schilfröhricht aus, das die Wiesenvögel verdrängte". Übrig blieben indes nur Reste der einst typischen Feuchtwiesen-Vegetation wie das Breitblättrige Knabenkraut, die Bach-Nelkenwurz oder das Schmalblättrige Wollgras, bedauert der Prätenower. Ausgedehnte Schilfwälder Das Schilf wurde fortan für die traditionelle Dachdeckung gemäht. Die hübsche Bartmeise fühlte sich in den ausgedehnten Schilfwäldern bald ebenso wohl wie die Rohrweihe. Überwinternde Seeadler, auf den Wasserflächen rastende Enten und auch eine große Reiherkolonie mit über 500 Brutpaaren gehören heute zu den Schätzen des Cosim, zählt Dirk Weichbrodt auf. Seit der Unterschutzstellung im Jahre 1996 werde nun versucht, die Flächen zu beweiden, um ihren ursprünglichen Charakter wieder herzustellen. Probleme bereitet dem Naturfreund dabei, dass oft illegal gezeltet und Feuer entfacht wird. Er habe auch wenig Verständnis dafür, betont Weichbrodt, dass immer wieder Autos auf dem Wanderweg fahren und die empfindliche Ruhe auf der eigentlich verträumten Halbinsel am Achterwasser stören. Schutzgebiet Streckelsberg bietet seltene Orchideen und weite Sicht
Dort, wo Berge dünn gesät sind und die Landschaft flach ist, wird um jeden Höhen-Meter gefeilscht. Die Insel Usedom macht da keine Ausnahme schließlich lockt die größte Erhebung meist auch mit der besten Aussicht, und die will jeder vor der eigenen Türe haben. So kommt es, dass sich der Koserower Streckelsberg in einigen Karten 60 Meter über dem Meer erhebt und damit als höchster Berg der Insel den Golm mit 59 Metern auf den undankbaren zweiten Platz verweist. Werner Schnapp aus Koserow weiß, dass hier ein klein wenig geschummelt wurde: "Die Koserower hätten's gern ein bisschen höher." Schnapp kennt den Streckelsberg seit 1965 und damit wie seine Westentasche. Zwar sind auch seine Angaben zum Kliff unterschiedlich, nämlich zwischen 51 und 56 Meter, aber trotzdem noch deutlich unterhalb der magischen 60 Meter-Grenze. Ein Werk der Eiszeit Entstanden ist die imposante Erhebung während der letzten Eiszeit vor etwa 18 000 Jahren, wie Werner Schnapp erklärt. Damals schoben sich riesige Gletschermassen über die Region und modellierten wie riesige Bulldozer die Landschaft. Zurück blieben als Ablagerungen die so genannten Endmoränen, unter ihnen auch der heutige Streckels- berg. "Das Kliff mit seiner aufgesetzten Düne war dann lange Zeit in Bewegung. Wind und Wellen trugen Material ab, und der Sand wehte auf die Felder, was den ohnehin recht kargen Böden weiter zusetzte", erzählt der Koserower. Doch dann kam 1818 ein gewisser Oberförster Schrödter auf die rettende Idee. Genialer Grünrock Der geniale Grünrock pflanzte auf dem Berg einfach Rotbuchen und Kiefern an, von denen einige noch heute stehen, wie Schnapp berichtet. Damit wurden die Abtragungen von der Düne weniger. Als Nebeneffekt stellte sich eine interessante Flora und Fauna ein, die das Gebiet später berühmt machte. Orchideen wie das Rote Waldvögelein oder die Weiße Waldhyazinthe erfreuten die Besucher mit ihrem exquisiten Anblick. Schwarzspecht und Hohltaube gaben sich ein Stelldichein Fuchs und Igel konnten sich eine gute Nacht wünschen. 1961 schließlich wurde das Gebiet unter Naturschutz gestellt. Küstenschutzmaßnahmen sorgen heute dafür, dass auch das Kliff ruhig gestellt ist, wie Werner Schnapp weiß. Mittlerweile schützen Buhnen, Wellenbrecher und eine Brandungsmauer den Berg vor den Naturgewalten.Insgesamt 18 Millionen Mark sind dafür bis 1998 "in den Sand gesetzt" worden. Wanderwege laden ein Die vielen Touristen, die Jahr für Jahr die Aussicht vom Streckelsberg genießen, werden es danken. Das Gebiet ist über den überregionalen Wanderweg am Fuße des Berges von Ost nach West erschlossen, und auch oberhalb führt ein Weg entlang der Kliffkante. "Bei guter Sicht kann man bis Swinemünde, Rügen und zur Greifswalder Oie sehen", beschreibt Naturfreund Schnapp die Aussicht. Und ob man den Blick nun von der höchsten oder der zweithöchsten Erhebung der Insel genießt, spielt da wirklich keine Rolle mehr.
Auf den Spuren der alten Slawen
Unweit des Balmer Golfplatzes, wo heute Sportler auf kleine weiße Bälle einschlagen, schlugen vor etwa tausend Jahren noch die Slawen auf ihre Feinde ein. Dort, im Naturschutzgebiet Mellenthiner Os, befindet sich nämlich eine slawische Höhenburg, die so genannte "Schwedenschanze". Zu sehen ist davon heute allerdings nur noch der Ringwall, der die Befestigungsanlage einst umgab. Der Grund dafür, weshalb die Vorfahren dort siedelten, liegt noch tausende Jahre zurück. Vor etwa 18 000 Jahren nämlich, während der letzten Eiszeit, riss an dieser Stelle ein Gletscher. Dadurch sammelte sich Schmelzwasser in einer Spalte, spülte das mitgeführte Material aus und ließ schließlich einen Höhenzug zurück. Das Praktische an der Sache war, dass diese Sandinsel rings herum von Moor umgeben war, so dass ein natürlicher Schutz vor nahenden Feinden, zum Beispiel den Dänen, gegeben war. Und so ist das Mellenthiner Os heute in zweifacher Hinsicht ein geschichtsträchtiger Ort. Reise-Mitbringsel Im Nordwesten des Schutzgebietes befindet sich eine stillgelegte Kiesgrube. Die bis zu 12 Meter hohen Wände sind eine Art Tor in die Vergangenheit. Wie die Jahresringe eines Baumes sein Alter verraten, so zeigt die Kiesgrube, was der Gletscher in grauer Vorzeit auf seiner Reise aus dem Norden mitgebracht hat. Die Ausmaße des Eisklotzes werden bewusst, wenn man bedenkt, dass allein der Höhenzug Mellenthiner Os vier Kilometer Länge und bis 300 Meter Breite aufweist. Damit ist das Areal eines der größten und am besten erhaltenen Gebiete seiner Art im ganzen Landkreis Ostvorpommern. Heute bedeckt Wald den größten Teil der Fläche, die erst 1995 ihren Naturschutz-Status erhielt. Neben den geschichtlichen Schätzen beherbergt das Gebiet auch viele Tiere und Pflanzen. Der seltene Gagelstrauch, die Schattenblume und der Sumpf-Haarstrang wachsen dort ebenso wie das Sumpfblutauge, das seinen Namen der roten Blüte verdankt. Seltsame Jagdtechnik In den Kronen der Buchen wohnt ein winziger Vogel, der auf den ersten Blick wie ein geschrumpftes Rotkehlchen aussieht der Zwergschnäpper. Eine Etage tiefer brütet von Zeit zu Zeit der scheue Kranich, von dem nur sein trompetender Ruf kündet. Auch Rotmilan und Neuntöter, der seine Beute auf Dornen spießt, sind zu Hause im Mellenthiner Os. Zu erreichen ist das NSG unter anderem über die Kreisstraße Dewichow - Balm, die das Gebiet teilt. Im Norden und Süden verlaufen Wanderwege, die dazu einladen, einmal auf den Spuren der Eiszeit und der alten Slawen zu wandeln.
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||